« Steigende Verschuldung: Ein Balanceakt für Deutschland | Home | Triodos IMpact Inside mit Karim Chatti: Der Kampf ums Klima »
Das Nullsummenspiel in der Aktiv-Passiv-Debatte: Eine spieltheoretische Analyse
Von Dr. Oliver Everling | 24.März 2025
Die Debatte um aktives und passives Investieren wird oft mit der sogenannten Nullsummenspiel-Theorie begründet. Duncan Lamont, Head of Research and Analytics bei Schroders, argumentiert jedoch, dass diese Theorie zu einfach gedacht ist und in der Praxis nicht in ihrer reinen Form funktioniert. Eine spieltheoretische Analyse seines Marktkommentars zeigt, dass der Markt weit komplexer ist und sich durch strategische Interaktionen zwischen unterschiedlichen Akteuren auszeichnet.
In der Spieltheorie beschreibt ein Nullsummenspiel eine Situation, in der der Gewinn eines Spielers genau dem Verlust eines anderen entspricht. In der Finanzwelt bedeutet dies, dass die Outperformance eines aktiven Anlegers immer auf Kosten eines anderen gehen muss. Lamont beschreibt dieses Prinzip folgendermaßen: „Nach der Nullsummenspiel-Theorie müssen die kombinierten Renditen aller aktiven Anleger (vor Gebühren) in einem Markt der Marktrendite entsprechen. Damit ein aktiver Anleger eine Outperformance erzielt, muss ein anderer nämlich unterdurchschnittlich abschneiden.“ Dies klingt zunächst schlüssig, doch er betont, dass die Theorie in der Praxis oft falsch angewandt wird. Ein wesentliches Problem besteht darin, dass alle aktiven und passiven Investoren als homogene Gruppen betrachtet werden.
Ein zentrales Argument gegen die Nullsummenspiel-Hypothese ist, dass sich die Struktur des Marktes verändert hat. Lamont weist auf die zunehmende Verbreitung sogenannter „neo-passiver“ ETFs hin: „Allein in den USA gibt es inzwischen mehr als sechsmal so viele davon wie traditionelle ETFs, und die Zuflüsse in diese Strategien waren von Anfang 2018 bis Ende Juli 2024 um 50 % höher als in traditionellen ETFs.“ Diese ETFs bilden nicht einfach den gesamten Markt ab, sondern treffen gezielte Entscheidungen, etwa durch eine Sektor- oder Stilgewichtung. Spieltheoretisch betrachtet bedeutet dies, dass sie nicht mehr als klassische passive Akteure agieren, sondern aktiv in den Markt eingreifen. Ein Investor, der beispielsweise einen Technologie-ETF kauft, trifft eine bewusste Allokationsentscheidung. Dies bestätigt Lamonts These: „Man sollte keinen Hehl daraus machen: Der Aufstieg neo-passiver Strategien führt zu aktiven Entscheidungen bei der Aktienauswahl, ob bewusst oder unbewusst.“
Ein weiteres spieltheoretisch relevantes Element ist die Dynamik von Markttransaktionen. Ein völlig passiver Investor, der einfach nur den Markt hält, existiert in der Realität kaum. Markteintritte und -austritte, Index-Neugewichtungen oder IPOs erzeugen zwangsläufig Handelsbewegungen. Lamont führt aus: „Alle diese Arten von Transaktionen bieten Möglichkeiten für einen Vermögenstransfer von passiven zu aktiven Anlegern.“ Dies entspricht spieltheoretisch einem dynamischen Spiel mit asymmetrischen Informationsvorteilen. Aktive Investoren können sich im Vorfeld positionieren, während passive Fonds erst reagieren, wenn beispielsweise eine Aktie in einen Index aufgenommen wird. Diese Situation führt dazu, dass passive Anleger oft zu höheren Preisen kaufen müssen, wodurch sich für aktive Investoren Chancen ergeben.
Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese Problematik sind Anleihemärkte. Hier ist die passive Replikation besonders schwierig, da Anleihen regelmäßig neu begeben werden. Lamont nennt konkrete Zahlen: „Einer der größten ETFs auf Hochzinsanleihen blieb in den fünf Jahren bis zum 31. Dezember 2024 um 0,6 % p.a., in den 10 Jahren um 0,9 % p.a. und seit seiner Auflegung im Jahr 2007 um 1,5 % p.a. hinter seiner Benchmark zurück.“ In spieltheoretischer Sprache könnte man sagen, dass passive Strategien in einem iterativen Spiel gegen sich selbst verlieren, weil sie gezwungen sind, ineffizient zu handeln.
Die spieltheoretische Perspektive zeigt also, dass der Markt kein statisches Nullsummenspiel ist, sondern ein dynamisches System mit strategischen Interaktionen. Lamont zieht daraus den Schluss: „Es lässt sich also festhalten, dass es für aktive Strategien eben nicht unmöglich ist, ihre passiven Pendants nach Abzug von Gebühren zu schlagen.“ Das bedeutet nicht, dass jeder aktive Manager zwangsläufig gewinnt. Vielmehr ergibt sich ein differenzierteres Bild, in dem Marktstruktur, Informationsvorsprünge und Handelsmechanismen eine zentrale Rolle spielen. Oder, um Lamonts Fazit aufzugreifen: „Es ist daher an der Zeit, die eigenen Überzeugungen über aktives und passives Management zu überdenken.“
Themen: Aktienrating, ETF-Rating, Fondsrating | Kommentare deaktiviert für Das Nullsummenspiel in der Aktiv-Passiv-Debatte: Eine spieltheoretische Analyse
Kommentare geschlossen.